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Der Nürnberger Trichter als Konzept der Führungskräfteentwicklung?

5. September 2017 - 9:13

Roland Fœhlisch ist Künstler. Früher war er mal Optiker, bis er sich entschloss nur noch von seiner Kunst zu leben. Das macht er jetzt sehr erfolgreich. 

Getroffen habe ich ihn bei einer Talkshow. "Wege zum Erfolg" war das Thema.

Was das mit dem Nürnberger Trichter zu tun hat? Haben Sie bitte noch ein wenig Geduld mit mir.

Roland wurde im Vorfeld gefragt, ob er während der Show eines seiner Bilder zeigen wolle. Das hat er abgelehnt.

Seine Begründung hat mich sehr aufmerksam zuhören lassen. Er sagte, dass die Wirkung des Bildes nicht via Bildschirm transportiert werden kann. Die wenigen Sekunden, in denen Fernsehtypisch etwas zu sehen sei, würden dafür nicht ausreichen. Viele Künstler, so sagte er, würden beklagen, dass selbst in Museen die durchschnittliche Verweildauer von einem Bild bei ca. 10 Sekunden läge. Zu wenig, damit sich die Wirkung des Bildes auf den Betrachter entfalten könne.

In solchen Situationen frage ich mich dann, was das gerade erlebte mit unserem Arbeitsfeld zu tun hat. 

Und da gibt es Parallelen. Wenn ich mir typische Seminarkonzepte vor Augen halte, wird allzu oft versucht, Seminarthemen sozusagen im Vorbeigehen zu behandeln. Die Wirksamkeit der angebotenen Praxistransfers ist sehr begrenzt. Das wird deutlich, wenn man die Teilnehmer in mehrstufigen Seminaren dann wieder trifft. Von den Seminarinhalten ist dann in der Regel nur wenig präsent.

Ja, was da geschieht ist vergleichbar mit dem „Nürnberger Trichter“. Es ist eine Art mechanischer Art zu lernen: Ein Aspekt des Führungsalltags wird problematisiert, ein Konzept zu dessen Bewältigung besprochen, der Bezug zum Alltag hergestellt, eine erlebnisorientierte Übung angeboten, Praxistransfer besprochen. Fertig. Nächstes Thema. Zeitdauer? Je nach Thema 1-3 Stunden.

Roland Fœhlisch sprach an anderer Stelle davon, dass die Wirkung eines Bildes nicht aus der Beherrschung von Maltechniken und dem Verständnis der Farbenlehre besteht. Sie entsteht aus der Lebenserfahrung, der (gereiften) Persönlichkeit des Künstlers.

Analog dazu entsteht die Wirkung der Führungskraft nicht aus der Kenntnis von Konzepten und Modellen der Führungstheorie (wie oben beschrieben ist die Halbwertszeit des neu erworbenen Wissens sehr kurz).

Die Wirkung entsteht aus der Persönlichkeit.

Und deren Bildung braucht Zeit. Bildung verstehen wir hier nicht als Vermittlung formalen Wissens, sondern tatsächlich als Persönlichkeits-Entwicklung.

Und die ist individuell, braucht (Selbst-)Reflexion du vor allem Zeit.

Mit dem „Nürnberger Trichter“ war tatsächlich ein nicht das mechanische Eintrichtern gemeint. Der Begriff geht zurück auf einen Dichter Namens Harsdörffer, der mit diesem Begriff den sorgsamen Umgang mit der Zeit verband.

„Sie waren doch im Seminar dann müssen Sie es doch auch können.“ ist eine irrige Vorstellung dessen, was heute übliche Seminare leisten können.

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