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„Ruf bitte den Chef mal an!“

26. Oktober 2017 - 5:05

Was sagt Ihr Bezugsrahmen zu dieser Aufforderung? Welches Gefühl macht sich jetzt bei Ihnen breit?

Und wie reagieren Sie?

An jenem Tag war ich gerade im Gespräch mit einer Führungskraft. Kein Smalltalk, wir waren mitten im Coaching. Natürlich war es der Sekretärin unangenehm, dass sie unser Gespräch störte.

„Ruf doch bitte mal den Chef an.“

Nein, sie würde das nicht tun, wenn es nicht dringend wäre, wenn es nicht sofortige Reaktion erfordern würde.

Ihm war es auch unangenehm, jetzt unterbrechen zu müssen. Es war ihm anzumerken.

„Warte mal.“ Unterbrach ich den sichtbaren Handlungsdrang.

„Wenn Du ihn jetzt anrufst, frag ihn doch mal, wie lange Du Zeit gehabt hättest, bevor Du ihn anrufst.“

Verblüffung, ja Ablehnung im Gesicht des Coachees.

„So ein Quatsch. Der hält mich doch für blöd.“ entfuhr es ihm.

„Mach‘s trotzdem. Bitte.“

Er griff kopfschüttelnd zum Telefonhörer. Am andere Ende meldete sich der Chef. Die Nebengeräusche ließen darauf schließen, dass er im Auto saß.

„Hallo Günther, ich hab erst mal eine Frage: Wie lange hätte ich Zeit gehabt, bis wann hättest Du meinen Rückruf gebraucht?“

Schweigen auf der anderen Seite.

Nach einiger Zeit ein irritiertes „2 Stunden, solange bin ich noch im Auto.“

Ein intensiver, fragender Blick zu mir.

Nach Beendigung des Telefonats schaute mich der Coachee verlegen an.

„Dann hätten wir unser Gespräch ja gar nicht unterbrechen müssen.“ meinte er.

Ja, um diese Erkenntnis ging es mir. Obwohl, es hätte natürlich auch anders kommen können. Es hätte ja wirklich dringend sein können.

„Das Diktat des Dringlichen über das Wichtige.“ So nannte es einmal einer meiner Lehrer. Es ist ein Zeitfresser!

Aber der Reihe nach:

-    Der Chef ruft seine Sekretärin an und bitte um Rückruf meines Coachees.

-    Annahme - ungeprüft! - der Sekretärin: Es ist dringend.

-    Sie verlässt Ihren Arbeitsplatz, um den Coachee zu informieren. Anrufen kann sie nicht, sein Telefon ist umgeschaltet, wegen des Coachings.

-    Coachee bekommt die Aufforderung, Günther anzurufen.

-    Annahme - ungeprüft(!) - des Coachees: Es ist dringend.

-    Er unterbricht das Coaching, um Günther anzurufen.

Ja, es gibt eine Vielzahl von Situation und Anlässen, die es erforderlich machen, eine gerade begonnene Tätigkeit zu unterbrechen. Es gibt gute Gründe dafür.

Dass aber Unterbrechungen zu Lasten der Produktivität gehen, dazu bedarf es kaum wissenschaftlicher Bestätigung.

Allerdings: In welchem Masse die Produktivität sinkt, ist nicht nur abhängig von der Anzahl der Unterbrechungen, sondern auch von deren Länge.

„Muss es sofort sein?“ Ist eine der wichtigsten Fragen zum Erhalt einer möglichst hohen Produktivität. Diese Frage stellt aber kaum jemand, so der Eindruck.

Die Sekretärin hätte diese Frage an den Chef stellen müssen. Und der Coachee hätte diese Frage an die Sekretärin stellen müssen.

Wie oft gehen wir, unbewusst übrigens, von der Annahme aus, es müsse sofort sein. Der Anruf des Kunden, der des Kollegen oder der Kollegin, des Chefs, alles das hat doch wohl dringende Anlässe.

Und wenn Sie die Frage „Wie dringend ist es?“ oder „Bis wann brauchen Sie es spätestens?“ nicht stellen, dann werden Sie sehr oft mit der Überzeugung nach Hause gehen, dass Sie den „ganzen Tag gerödelt“, aber „nichts zustande gebracht“ haben.

Kennen Sie, oder?

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