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"Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen": Anatomie eines Zitates

18. August 2017 - 6:44

Immer wieder werden Zitate bekannter Persönlichkeiten verwendet, um einen bestimmten Standpunkt zu bestätigen oder hervorzuheben. Wie zum Beispiel der des Altbundeskanzlers Helmut Schmidt.

Aber taugt Helmut Schmidt hier wirklich als Zeuge für die Unsinnigkeit von Visionen?

Nein. Keineswegs.

Gesagt hat er es ja. In einem Gespräch mit Giovanni di Lorenzo hat er diesen Satz 2010 so kommentiert: "Es war vor ca. 35 Jahren eine pampige Antwort auf eine dusselige Frage." 

Arbeiten Sie als weiter an und mit Visionen, liebe Führungskräfte.

 

Konrad Adenauer wiederum wird gerne zitiert mit "Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern", oft als rhetorische Spitze gegen jemanden, der gestern etwas anderes sagte, als heute, also als unzuverlässig angesehen wird.

Hier wird tatsächlich falsch zitiert durch weglassen. Im Original sollte dies für alle Führungskräfte gelten: "Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern, nichts hindert mich, weiser zu werden."

Trotz neuer Erkenntnisse stur an etwas Gesagtem festzuhalten, kann nicht als sinnvolles Verhalten angesehen werden. Schon gar nicht von Führungskräften.

 

Ganz anders verhält es sich mit Gerd Schröders Zitat "Putin ist ein lupenreiner Demokrat". Tatsächlich aber antwortete Schröder auf die Frage von Reinhold Beckmann "Ist Putin ein lupenreiner Demokrat?" so:

"Das sind immer so Begriffe. Ich glaube ihm das und ich bin davon überzeugt, dass er das ist. Dass in Russland nicht alles so ist, wie er sich das vorstellt und gar wie ich oder wir uns das vorstellen würden, das, glaube ich, sollte man verstehen. Dieses Land hat 75 Jahre kommunistische Herrschaft hinter sich und ich würde immer gerne die Fundamentalkritiker daran erinnern, mal darüber nachzudenken, ab wann denn bei uns alles so wunderbar gelaufen ist."

Jahre später erläuterte Gerd Schröder, dass er von dieser Frage überrumpelt wurde. In der Überzeugung, dass es diplomatische Störungen mit Russland geben würde, wenn er diese direkte Frage auch ebenso direkt verneinen würde, formulierte er die o.a. Antwort. Sie kann als Beispiel dafür dienen, dass in Dilemmata-Situationen eine Entscheidung in Anbetracht der möglichen Folgen zu treffen ist.

Vor solchen Entscheidungen stehen Führungskräfte oft. Und sie werden häufig dafür kritisiert, dass sie die Entscheidung zugunsten eines Wertes gefällt haben und besser den anderen gewählt hätten.

 

Fazit: Lassen Sie sich nicht davon abhalten, Visionen zu entwickeln, Ihre Meinung begründet zu ändern und Ihren Entscheidungen Ihre durchdachten Werte zugrunde zu legen. 

 

 

  

  

 

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